(c) Joslin Diabetes Center in Boston, Osama Hamdy

Osama Hamdy, © Joslin Diabetes Center in Boston

Im Magazin US Endocrinology (Volume 10 – 2 Ausgabe Winter 2014) schreibt der Medizinische Leiter des Adipositas Programms am Joslin Diabetes Center in Boston, Osama Hamdy über Kohlenhydrate und Diabetes Management.

Die gestiegene Zufuhr an Nahrungskohlenhydraten hat zum ausufernden Vorkommen von Übergewicht und Typ-2-diabetes beigetragen. Seit Ende der Siebziger Jahre haben mehrere medizinische Gesellschaften empfohlen, den Fettkonsum zu senken und Fett durch Kohlenhydrate zu ersetzen. Diese fehlerhaften Empfehlungen trugen zu mangelhafter Kontrolle des Diabetes, zu abnormen Lipidprofilen und einer zunehmenden Insulinresistenz bei, die kardiovaskuläre Sterblichkeit ging nicht zurück. Seit einigen Jahren spricht eine starke Datenlage für eine Reduktion der Kohlenhydrate bei Patienten mit Typ-2-Diabetes auf weniger als 40 en%. Die Ära vieler Kohlenhydrate ist zu Ende.

(Einleitung/Abstract übersetzt von Ulrike Gonder)

Das Editorial geht auf viele Punkte ein, die wir als Verfechter ein wohl formulierten kohlenhydratreduzierten Ernährungsweise schon öfter in unserer Fachliteratur gelesen haben.

1977 hat ein US Senatskomitee beschlossen als Ernährungsweise generell 55-60% der Kalorien aus Kohlenhydraten zu empfehlen. Gleichzeitig wurde empfohlen den Konsum von Fett auf 40-30% zu beschränken. Ziel dieser Empfehlungen war es, Kosten für das Gesundheitssystem zu senken und die Lebensqualität zu erhöhen. Auch Österreich und Deutschland übernahmen diese Regeln. Spätestens 1992 wurde in Österreich auch eine Ernährungspyramide nach amerikanischem Vorbild publiziert.

Die mögliche Kostenreduktion stand in direktem Zusammenhang mit der erhofften Senkung von Herzkrankheiten, Krebs und Schlaganfällen. Obwohl die Empfehlungen auch in den 70er Jahren kontrovers diskutiert wurden, und die wissenschaftlichen Beweise eher schwach waren, hat das US Landwirtschaftsministerium die Ernährungspyramide mit Kohlenhydraten als Basis erstellt.

Philip Handler, zu dem Zeitpunkt Präsident der Akademie der Wissenschaft kritisierte damals „das größte Nährstoff-Experiment das diese Nation je gewagt hat“.

„das größte Nährstoff-Experiment das diese Nation je gewagt hat“
Philip Handler

Seit den Empfehlungen nahm die Verbreitung von Übergewicht stetig zu[i][ii][iii]. Außerdem stiegen die Zahlen für Diabetes und Herzgefäßkrankheiten. Physiologisch wurde das mit einer höheren Insulin-Antwort auf Kohlenhydrate erklärt. Durch den lipogenen Effekt (= Fetterzeugung durch den Körper selbst und nicht durch Fett in der Nahrung) von Insulin und Kohlenhydraten wurde mehr Körperfett gespeichert. Erst später zeigte sich, dass die Ansammlung von Fett um die Organe (das viszerale Fett) mit einer chronischen Entzündung, jedoch- mit nur geringen klinischen Krankheitszeichen einhergeht. Diese Entzündung steht in einem direkten Zusammenhang mit Insulinresistenz, Gefäßwand Störungen (Endothel Dysfunktion) und Arteriosklerose („Arterienverkalkung“) [iv].

Seit den 1900er Jahren wurde Diabetes hauptsächlich durch die Reduktion von Kohlenhydraten behandelt. Deshalb erscheint es heute absurd, das der amerikanische Diabetes Verband (ADA – American Diabetes Association) in den 70er Jahren auch zustimmt mehr Kohlenhydrate für seine Patienten zu empfehlen. Die Kohlenhydratreduktion war besonders vor der Entdeckung von Insulin effektiv. Elliot P. Joslin behandelte die sogenannte Altersdiabetes (heute T2D – Typ 2 Diabetes) mit einer Diät mit nur 2% Kohlenhydraten und 75% Fett[v]. Später wurde diese Ernährungsweise in einer abgewandelten Form als Atkins Diät weitergeführt. Heute wissen wir, dass eine wohl formulierte kohlenhydratreduzierte Ernährungsweise nachhaltig ist und keine Nebenwirkungen hat. Verstopfungen hängen meist mit einem zu niedrigem Konsum von grünem blättrigen Gemüse (Kohl aber auch Brokkoli) zusammen, von dem der Großteil der Kohlenhydrate kommt. Kopfschmerzen und Muskelkrämpfe hängen mit einem gestörten Elektrolyt-Haushalt zusammen, da mit der Kohlenhydratreduktion viel Wasser zusammen mit Salz und Mineralstoffen ausgeschieden wird. Ein höherer Salzkonsum ist deshalb besonders in der Umstellungsphase wichtig. Mundgeruch entsteht eher durch einen zu hohen Eiweiß Konsum (siehe auch in diesem Artikel) und bedeutet, dass man noch mehr Fett essen sollte. Diese große Reduktion von Kohlenhydraten behandelte effizient die Diabetes, aber Patienten deren Kohlenhydratreduzierte Ernährung nicht ideal war, beklagten sich eben über Verstopfung, Kopfschmerzen, Mundgeruch und Muskel-Krämpfe[vi].

Auch wenn die Kohlenhydratbeschränkung für Diabetiker nach der Entdeckung von Insulin in den 1920er gelockert wurde, so zeigt sich in neuen klinische Studien seit 2003, das die Reduktion von Kohlenhydraten überlegen ist, wenn es um Körperfettverlust, Körpergewichtsverlust und eine bessere Blutzuckerkontrolle geht[vii][viii][ix].

Später zeigte sich das die Reduktion von Kohlenhydraten für Patienten mit Diabetes die Inulinsensitivität verbessert, Fett um die Organe verringert, Triglyzeride (Fette) im Blut verringert und das HDL Cholesterin (das sogenannte „gute“ Cholesterin) erhöht[x]. Ganz aktuell hat eine Meta-Analyse gezeigt, dass eine niedrigere Kohlenhydratbelastung bzw. eine niedrigere glykämische Last (also Nahrungsmittel mit komplexeren Kohlenhydrate in Kombination mit einer Reduktion der gesamt aufgenommen Kohlenhydrate) mit einer Reduktion des Risikos an Typ 2 Diabetes zu erkranken einhergeht. Nach einer Gewichtsreduktion ist eine Ernährungsweise mit einer niedrigen glykämischen Last und einem höheren Eiweißgehalt hilfreich, die Gewichtsreduktion für einen längeren Zeitraum zu halten[xi].

Kohlenhydratreduktion als erster Ansatz für das Management von Diabetes

Neben diesem Editorial ist im Magazin „Nutrition“ in der aktuellen Januar 2015 Ausgabe ein interessanter Überblick über die Wissenschaft zu Kohlenhydratreduktion und dem Management von Diabetes erschienen.

Initiator war Richard D. Feinman, Professor für Biochemie und Medizinforschung an der Universität in Brooklyn New York, dem SUNY Downstate Medical Center. Viele weitere in der Low Carb Szene bekannte Mediziner haben ebenfalls mitgewirkt, darunter Eric Westmann, Arne Astrup, Jeff Volek, Annika Dahlquist und Nicolai Worm.

Die Wissenschaftler fassen ihre Ergebnisse so zusammen:

low-carb-first-approach

Wir stellen die wesentlichen Nachweise dafür vor, dass eine kohlenhydratreduzierte Ernährungsweise der erste Ansatz für eine Behandlung von Diabetes darstellen sollte.

  • Diese Art von Diät senkt zuverlässig den Blutzucker
  • Die Vorteile zeigen sich auch, selbst wenn Patienten kein Gewicht bei der Diät verlieren sollten
  • Diese Ernährungsweise ist aber auch die zuverlässigste, wenn es um Gewichtsverlust geht.
  • Kohlenhydratreduzierte Ernährung führt auch zu einer Reduktion von vorher benötigten Medikamenten oder sogar der kompletten Elimination.
  • Es gibt keine Nebeneffekte, wie man Sie von intensiven pharmakologischen Behandlungen kennt (also der reinen Medikamenten-Behandlung von Diabetes)

Der gesamte Überblick ist (auf Englisch) frei zugänglich und fasst die Vorteile von Low-Carb in 12 Punkten sehr eindrucksvoll zusammen!


 

[i] Flegal KM, Carroll MD, Kuczmarski RJ, and Johnson CL, Overweight and obesity in the United States: prevalence and trends, 1960- 1994, Int J Obes Relat Metab Disord, 1998;22(1):39–47

[ii] Hedley AA, Ogden CL, Johnson CL, et al., Prevalence of overweight and obesity among US children, adolescents, and adults, 1999–2002, JAMA, 2004;291(23):2847–50.

[iii] Flegal KM, Carroll MD, Kit BK, and Ogden CL, Prevalence of obesity and trends in the distribution of body mass index among US adults, 1999–2010, JAMA, 2012;307(5):491–7.

[iv] Aldhahi W and Hamdy O, Adipokines, inflammation, and the endothelium in diabetes, Curr Diab Rep, 2003;3(4):293–8.

[v] Westman EC, Yancy WS, Humphreys M. Dietary Treatment of Diabetes Mellitus in the Pre-Insulin Era (1914-1922). Perspect Biol Med. 2006;49(1):77-83.

[vi] . Yancy WS Jr, Olsen MK, Guyton JR, et al., A low-carbohydrate, ketogenic diet versus a low-fat diet to treat obesity and hyperlipidemia: a randomized, controlled trial, Ann Intern Med, 2004;140(10):769–77.

[vii] Foster GD, Wyatt HR, Hill JO, et al., A randomized trial of a lowcarbohydrate diet for obesity, N Engl J Med, 2003;348(21):2082–90.

[viii] Stern L, Iqbal N, Seshadri P, et al., The effects of low-carbohydrate versus conventional weight loss diets in severely obese adults: one-year follow-up of a randomized trial, Ann Intern Med, 2004;140(10):778–85.

[ix] Gardner CD, Kiazand A, Alhassan S, et al., Comparison of the Atkins, Zone, Ornish, and LEARN diets for change in weight and related risk factors among overweight premenopausal women: the A to Z weight loss study: a randomized trial, JAMA, 2007;297(9):969–77.

[x] Miyashita Y, Koide N, Ohtsuka M, et al., Beneficial effect of low carbohydrate in low calorie diets on visceral fat reduction in type 2 diabetic patients with obesity, Diabetes Res Clin Pract, 2004;65(3):235–

[xi] Larsen TM, Dalskov SM, van Baak M, et al., Diets with high or low protein content and glycemic index for weight-loss maintenance, N Engl J Med, 2010;363(22):2102–13.

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Leo Tulipan

Leo ist erst durch das Buch Good Calories, Bad Calories so richtig bewußt geworden, wie falsch die aktuellen Ernährungsempfehlungen sind. Dass er eine "gut formulierte" Low Carb Ernährung nun schon seit 2 Jahren erfolgreich umsetzen kann, verdankt er seiner Frau Julia sowie Dr. Phinney und Dr. Volek
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