zucker_löffel

Ein Freund und Bloggerkollege Markus Berndt von Diabetesade.com hat mich auf folgenden Beitrag aufmerksam gemacht.

In einem Beitrag der Zeitschrift WOMAN ist folgendes zu lesen:

„Dirk Stermann als Zuckerlverkäufer? Mag im ersten Moment „süß“ klingen, dahinter steckt aber ein ernster Grund: Der „Willkommen Österreich“-Moderator dreht einen Aufklärungsspot über Zuckerkrankheit.“

Original Beitrag: http://mobil.woman.at/a/aufklaerungsspot-diabetes-dirk-stermann

Im ersten Moment würde man meinen, ah, endlich mal ein Österreichischer Promi, der auch die Gefahr von Zucker erkannt hat. Doch halt, nicht so schnell. Liest man weiter, so entpuppt sich der ganze Beitrag als äußerst surreale Geschichte.

Die eigentliche Message: „Zucker ist lebensrettend für Diabetiker, damit sie nicht in eine Unterzuckerung (Hypoglykämie) fallen“ ….mmmmh. Das ist einfach auf so vielen Ebenen falsch, dass ich im ersten Moment gar nicht so recht weiß wo ich anfangen soll. Also mal der Reihe nach,

 

Ist hier die Rede von Typ-1 oder Typ-2 Diabetes?

Im Artikel erklärt Dirk Stermann, dass er eine besondere Motivation hätte, diesen „Aufklärungsspot“ zu drehen, da seine Tochter (12 Jahre) Diabetikerin ist. Es gibt zwar Kinder mit Typ-2 Diabetes, aber ich gehe mal davon aus, dass seine Tochter Typ-1 Diabetiker ist.

 

Typ-1 Diabetes

Ist eine Autoimmunerkrankung. Das eigene Immunsystem greift die Bauchspeicheldrüse an und zerstört sie. Die Folge ist, dass Typ-1 Diabetiker kein Insulin produzieren können, ihre Zellen aber normal sensitiv auf Insulin reagieren. Insulin muss daher über Injektionen oder eine Pumpe exten zugeführt werden. Das richtige Verhältnis zwischen Insulin und dem aufgenommen Zucker ist elementar. Zu wenig Insulin, und der Zuckergehalt im Blut bleibt zu hoch. Zu viel Insulin, und der Zucker im Blut fällt gefährlich tief. Dieser Zustand wird als Unterzucker oder Hypoglykämie bezeichnet.

 

Typ-2 Diabetes

Bei dieser Art der Krankheit haben wir eine andere Ausgangssituation und eine vollkommen andere Krankheitsentstehung. Kohlenhydrate (Zucker) veranlasst den Körper Insulin zu produzieren. Das Insulin ist wichtig um Glucose (Zucker) in die Zellen zu schleusen. Konsumiert man über viele Jahre sehr viele Kohlenhydrate, werden zuerst die Zellen resistent gegenüber Insulin. Die Folge, die Bauchspeicheldrüse muss MEHR Insulin produzieren. Nach einiger Zeit, kann die Bauchspeicheldrüse die hohe Insulinproduktion nicht mehr aufrechterhalten und „brennt aus“. In diesem Stadium beginnt die Bauchspeicheldrüse, wie beim Typ-1 Diabetiker, zu wenig oder überhaupt kein Insulin mehr selber zu produzieren. Dann muss auch der Typ-2 Diabetiker Insulin extern zuführen. Seine Zellen sind jedoch weiterhin insulinresistent und so benötigt er meist sehr hohe Mengen Insulin.

 

Auch wenn die Situation bei einem Typ-1 Diabetiker etwas anders gelagert ist, so finde ich die Aussage, dass ein Diabetiker Zucker (aus Zuckerl!?) braucht, nicht nur falsch sondern gemein fahrlässig!

 

Zuckerkonsum ist die Haupttriebkraft der Diabetes-Epidemie (Pandemie)

Auch wenn die offiziellen Diabetikervereinigungen immer sehr bestrebt sind, darauf hinzuweisen, dass es keinen Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und dem Auftreten von Diabetes gäbe, so zeigt doch die aktuelle Wissenschaft ein gänzlich konträres Bild.

 

Hier ein paar neuere Studien zu dem Thema:

 

The Relationship of Sugar to Population-Level Diabetes Prevalence: An Econometric Analysis of Repeated Cross-Sectional Data.

In dieser Studie untersuchten die Forscher die Assoziation zwischen Zuckerkonsum und Diabetes (typ-2) in 172 Ländern. Man fand einen starken Zusammenhang. Außerdem sahen die Forscher, dass pro 150kcal Zucker/ Tag, die Wahrscheinlichkeit an Diabetes zu erkranken um 1,1% anstieg. Das klingt nicht nach viel, aber für die USA würde das bedeuten, wenn jeder Bürger eine Dose Softdrink mehr pro Tag konsumieren würde, gäbe es 3,5 Millionen mehr Diabetiker.

In dieser Studie war Zucker, der einzige Faktor in der Ernährung, der das Diabetes Risiko beeinflusst, bei gleichzeitiger Kontrolle aller Variablen (confounding factors).

Ich möchte der Richtigkeit halber anmerken, dass es sich bei dieser Studie um eine epidemiologische Studie gehandelt hat. Eine solche Studie kann nur Korrelationen zeigen, keine kausalen Zusammenhänge.

 

Basu, Sanjay, et al. „The relationship of sugar to population-level diabetes prevalence: an econometric analysis of repeated cross-sectional data.“ PLoS One 8.2 (2013): e57873.

http://www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0057873

 

Dietary fats and health: dietary recommendations in the context of scientific evidence.

In einer 2013 veröffentlichten Meta-Analyse, kommt der Forscher zu folgendem Ergebnis:

“das Ersetzten von gesättigten Fetten mit Kohlenhydraten und vor allem Zucker, zu einem Anstieg von Übergewicht und den damit verbundenen Gesundheitskomplikationen geführt hat“

 

Originaltext:

The replacement of saturated fats in the diet with carbohydrates, especially sugars, has resulted in increased obesity and its associated health complications. Well-established mechanisms have been proposed for the adverse health effects of some alternative or replacement nutrients, such as simple carbohydrates and PUFAs.

 

Lawrence, Glen D. „Dietary fats and health: dietary recommendations in the context of scientific evidence.“ Advances in Nutrition: An International Review Journal 4.3 (2013): 294-302.

http://advances.nutrition.org/content/4/3/294.full

 

2014 erschien im Journal “Nutrition” eine Review mit dem Titel „Dietary carbohydrate restriction as the first approach in diabetes management: Critical review and evidence base“

In diesem Artikel haben 27 Forscher aus Europa und den USA die Bedeutung von Kohlenhydratrestriktion für die Behandlung von Diabetes, sowohl Typ-1 als auch Typ-2, besprochen.

 

Diese 27 Experten kommen zu folgendem Ergebnis:

 

Ersetzt man Kohlenhydrate durch Fett, oder in manchen Fällen durch Protein, ist dies Vorteilhaft für beide Arten von Diabetes. Es führt zu verbesserter Blutzuckerkontrolle, Gewichtsverlust, Verbesserung aller kardiovaskulären Risikofaktoren und zu einer Reduktion der Medikamente.

 

Originaltext:

Replacement of carbohydrate with fat or, in some cases, with protein, is beneficial in both types of diabetes leading to better glycemic control, weight loss, cardiovascular risk markers, and reduction in medication.

 

Feinman, Richard David, et al. „Dietary Carbohydrate restriction as the first approach in diabetes management. Critical review and evidence base.“ Nutrition (2014).

http://www.nutritionjrnl.com/article/S0899-9007(14)00332-3/fulltext#sec5

 

Verursachen verarbeitete Kohlenhydrate Diabetes? Die Idee ist nicht neu…

Schon in den 1960er Jahren gab es einige Verfechter der Hypothese, dass Zucker und andere verarbeitete Kohlenhydrate eine zentrale Rolle in der Entstehung von Diabetes und anderen Zivilisationskrankheiten darstellt. Einer dieser Menschen war der Arzt Captain Thomas Latimore Cleave. Cleaves war Militärarzt bei der Royal Navy und machte bei seinen Reisen um die Welt eine interessante Beobachtung. Nicht-westliche, traditionell lebende Kulturen waren ausgesprochen gesund, doch sobald diese Kulturen begannen weißen Reis, Mehl und Zucker in ihre Ernährung einzuführen, fanden sich die gleichen chronischen Erkrankungen wie in der „zivilisierten“ Welt.

Quelle: aus "Good Calories, Bad Calories" von Gary Taubs.

Quelle: aus „Good Calories, Bad Calories“ von Gary Taubs.

Die Graphik zeigt die Beziehung zwischen Diabetessterblichkeit und dem Zuckerkonsum.  Gäbe es keinen Zusammenhang zwischen Zucker und Diabetes, so müsste die Sterblichkeit über die Zeit abnehmen, da sich 1) die medizinische Versorgung allgemein verbessert hat und 2) Insulin entdeckt wurde.

Zu behaupten ein Diabetiker braucht Zucker, wie in dem Werbespot postuliert wird, ist falsch und irreführend. Es gibt KEINE essentiellen Kohlenhydrate und es gibt aus biologischer Sicht keine Mindestmenge an Kohlenhydraten, die man zu sich nehmen muss.

 

Claudia Francesconi (Vorstandsmitglied der Österreichischen Diabetes Gesellschaft)  und Univ.-Prof. Dr. Thomas Wascher (Präsident der ÖDG) unterstützen dieser Kampagne. Ich find es sehr traurig, dass sich Österreich im Lichte guter, wissenschaftlicher Studien, zu einem solchen Video hinreißen lässt.

In anderen Länder, wie zum Beispiel Schweden, wird es den Ärzten offengestellt, ob sie ihren Diabetespatienten eine herkömmliche Ernährung empfehlen wollen  oder ein LCHF (low-carb/high-fat) Ernährung.

 

Literaturempfehlungen zum Thema

Good Calories, Bad Calories; Autor: Gary Taubes

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Dumm wie Brot, Perlmutter M.D.

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Terry Wahls Protokoll – Multiple Sklerose erfolgreich behandeln

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Diabetes Solution, Bernstein M.D.

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Julia Tulipan ist Biologin (Mag.) und Personal Fitness and Health Trainer (Dipl.) und schreibt für verschiedene Online-Magazine und für ihr eigenes Blog paleolowcarb.de vor allem zu den Themen gesunde und artgerechte Ernährung und Bewegung. Julia hat selbst lange mit ihrer Gesundheit gekämpft. So wurde ihr Interesse an gesunder Ernährung geweckt. Seither hat sie sich mit Low Carb und der Paleo-Ernährung Stück für Stück mehr Lebensqualität zurück erkämpft. Heute verhilft sie auch als Food-Coach und Personal Trainerin anderen zur Topform. Von Julia kannst Du Dich hier individuell beraten lassen.
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